Ich bin wiedergeboren und ein „kleines“ Problem?

Sina las den Bericht von Sarai nochmal in Ruhe durch, bis sie laut aufstöhnte. „Himmel… wegen Armoni kann ich nicht mal den Bürgermeister absetzen? Ich habe echt keine Lust mich dem König anzubiedern…“

„Wo ist das Problem mit diesem Armoni?“ wundert sich Zada. Sie ist irgendwann in das Büro gekommen und hat es sich im Sessel gemütlich gemacht.

„Das er stur bleibt, einen Stolz besitzt, dass er bald platzen müsste. Bei dem Kerl ist es so eingefahren, dass es ihm egal ist, was ich mit meinen Taten gemacht habe. Dämonen und Vampire bleiben böse Monster und basta.

Er würde es sogar in Kauf nehmen, dass die Stadt untergeht, nur damit die Vampire wegkommen. Hallo? Irgendwo… verstehe ich seine Logik dahinter nicht.“ lehnte Sina sich auf ihrem Drehstuhl zurück.

„Und… du willst es nicht auf die übliche Methode machen bei ihm?“ hob Zada eine Augenbraue hoch.

„Dazu müsste ich wissen, wie ich ihn an seinen Eiern packen kann, damit er überhaupt was schwört. Denke, so einfach wird es ebenfalls nicht mit meinen üblichen Methoden sein.“ schüttelt Sina den Kopf.

„Hat… er eigentlich überhaupt mal mit einem Vampir gesprochen?“

„Nein, zumindest habe ich es jetzt nicht so herausgehört. Er dürfte vermutlich ihnen die gleiche Behandlung geben, wie er es mit mir getan hat.“

„Würdest du es denn verbieten, wenn Vampire ihn besuchen dürften und ein Gespräch aufsuchen? Meine… es kann ja nicht schlimmer werden, als dass er bei seinem „Nein“ bleibt oder?“ grinste Zada.

„Was… hast du genau vor?“ wurde Sina misstrauisch. „Ich… dachte, dass ich einfach mal mit Aelfric ihn besuchen gehe. Ein bisschen von uns erzählen werde, denn… mein kleiner Bruder kann sehr einfühlsam sein.“ wurde das Grinsen von Zada nur breiter.

Etwas später ging Zada in einem Lederkleid mit ihrem kleinen Bruder, der seinen üblichen schwarzen Stoffanzug trug, zur Kirche. Hinter ihnen liefen gewohnt die Leibwächter in einem sicheren Abstand.

„Du… musst es mir noch mal erklären bitte… Wir… sollen einen Priester dazu bringen, seine feindliche Haltung gegenüber uns und Lady Sina zu überdenken?“ sah man den Zweifel an Aelfric, während er einen Sonnenschirm hielt.

„In der Tat. Scheinbar hat Sina ihren Meister gefunden… na ja für eine gewisse Zeit. Sobald man ihr genug Zeit gibt, wird sie ihn auch knacken, aber ich dachte, wir machen uns auch mal ein bisschen nützlich.“ lächelte Zada.

„Und du meinst… er wird uns überhaupt zuhören?“ war sich Aelfric sehr unsicher. „Keine Ahnung, aber ich denke… deine Jungs werden dafür zu sorgen. Kann man ja nicht zulassen, dass man dich ignoriert.“ behauptete Zada ganz laut und drehte bewusst nicht ihren Kopf zu ihnen.

Dann standen die Vampire vor der Kirche. „Ich war noch nie in einer Kirche drin gewesen. Muss man irgendwas wissen?“ schaute Aelfric.

„Glaube viele Sitzmöglichkeiten waren da.“ grübelte Zada, die scheinbar auch nicht so sicher war. „Lassen wir uns einfach überraschen.“ dabei öffnete Zada für ihren Bruder die Tür.

Die Vampire gingen rein und staunten, wie die Kirche von innen aussah. „Das… ist der Ort, wo Menschen und weitere ihre Göttin anbeten?“ schaute sich Aelfric sich um.

„In der Tat. Hier kommen Menschen, Zwerge oder Elfen, um ihre Dankbarkeit gegenüber der Göttin zum Ausdruck zu bringen.“ kam den Vampiren ein Mann entgegen. „Doch… das Vampire solche Orte betreten, wäre mir sehr neu.“

„Warum sollten wir das nicht können? So wie man uns erklärt hat, ist die Göttin für alles offen oder?“ schaute Zada den Mann an. „Meine… wir streiten ja nicht mal die Existenz der Göttern ab, immerhin… hat uns ja irgendetwas letztendlich erschaffen.“

„Verstehe… wurdet ihr von Lady Sina geschickt? Ich dachte, ich hätte mich mehr als deutlich ausgedrückt, dass ich meine Meinung nicht ändere.“ wurde der Mann steif.

„Ich nehme an, IHR seid der Priester Armoni, wo unsere Herrin etwas verzweifelt in ihrem Drehstuhl sitzt. Nun, nein. Sie hat aber auch nicht verboten, trotzdem hierher zu kommen.“ grinste Zada.

„Ich verstehe… wenn ich vorstellen dürfte, mein Name ist Zada und das ist mein kleiner Bruder Aelfric. Die beiden Männer hinter uns… ignorieren sie besser, denn es sind seine Leibwächter. Im Gegensatz zu ihnen sind wir als Vampire geboren.“ stellte Zada alle vor.

„Und… wie kann ich euch nun helfen? An meiner Meinung selber wird sich nichts ändern.“ stellte der Priester direkt klar.

„Es geht um die Aussage, dass wir Monster sind. Das ist etwas was wir nicht abstreiten können… würde ich sagen, aber das stimmt nicht.“

„Hmm? Du willst mir also sagen, du hast in deinem Leben noch niemanden getötet, um an sein Blut zu kommen?“ wurde Armoni direkt skeptisch.

„Oh, mehrere Male sogar. Das Problem ist, sie sehen es etwas aus der falschen Perspektive Priester. Sie haben doch auch schon getötet oder nicht? Oder zumindest jemanden töten lassen.“ wurde Zada ernst.

„Ich habe bestimmt noch niemanden getötet.“ reagierte der Priester erbost. Nun meldete sich Aelfric. „Sind… sind sie sich sicher? Haben sie… in ihrem Leben noch kein Fleisch von einem Schwein… Huhn… oder einer Kuh gegessen?“

„Das sind Tiere…“ betonte der Priester, als würde er mit einem Dummkopf sprechen. „Und so sehen wir euch alle. Für uns seid ihr Tiere, die das nötige geben, damit wir leben können. Habt ihr nicht mal… hinterfragt, was die Tiere denken?“ argumentiert Aelfric.

„Huh? Die Tiere…“ wollte Armoni mit seinen Worten erklären, als Aelfric sich einmischte. „Tiere sind nicht dumm, können sie nicht sein. Hunde verstehen die Befehle, die man ihnen beibringt und Katzen können einen sehr gut manipulieren.

Auch Tiere hat man einen Sinn des Lebens gegeben, doch sie beschäftigen sich nicht mit solch hohen Fragen wie sie oder jemand anderes stellen würde. Sie leben, sie fressen, die pflanzen sich fort und irgendwann geht ihr Reise zu Ende.

Wenn man das nun auf euch übertragen müsste… ich sehe keinen Unterschied. Menschen… Zwerge… Elfen… Tiermenschen, einfach alles Lebewesen… wurden von den Göttern erschaffen oder?

Nur sind wir alle etwas komplexer. Wir können zwischen gut und falsch unterscheiden, wir kennen die Konsequenzen unserer Handlungen. Ein Tier hat nur seine Instinkte, die ihn vor Gefahren warnen.

Ich… will damit nicht andeuten, dass wir alle auf einer Stufe sind, aber… sie können uns doch nicht zu Monstern machen, wenn wir… eine komplett andere Rasse sind? Unsere verstorbene Mutter… war eine Vampirkönigin, wenn wäre sie genau das, was ihr als ein Monster betrachtet.

Doch das liegt an ihrer Einstellung. Wenn man über so viele Jahrtausende gelebt hat… glauben sie nicht, dass gewisse Einstellungen sich ändern werden? Selbst meine Schwester Zada und ich… dürften vermutlich noch eure Urururgroßeltern überstanden haben.

Und doch… sind wir hier… zum ersten Mal in einer Kirche und Unterhalten uns über unsere Essgewohnheiten. Glauben sie also nicht auch… dass es ein Vorurteil von euch ist?“

„Du liebe Güte, du kannst ja mit Worten umgehen.“ stupste Zada ihn von der Seite an, aber scheinbar war es für Aelfric doch ernster.

„Hmm… wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet, ist es für euch normal, von uns das Blut zu nehmen. Ok, dass kann man akzeptieren, doch… warum dann alle diese Morde? Es gibt einige berühmte Vampire, die regelrecht Städte zerstört haben.“ schaute der Priester Aelfric an.

„Ich werde nicht abstreiten, dass es einige Berühmtheiten gibt. Das Problem liegt an der Erziehung, verstehen sie? Sie hatten jemanden, der sie so erzogen hat, dass sie nun ein Mann des Glaubens sind.

Wenn es ein erschaffener Vampir ist, würde es sie wundern… wenn er nicht vorher schon ein Mensch war, der sowieso diese Einstellung hat? Selbst wir Vampire bekommen mit, wenn wahnsinnige Menschen auf einmal anfangen grundlos ihre Mitmenschen zu töten.

Sei es durch eine Krankheit, eines Schwurs, einer Erziehung oder… weil man von Anfang an ein schwarzes Herz hatte.

Wissen sie… ich bin ein geborener Vampir und… habe das Pech, das Aussehen meiner Mutter geerbt zu haben. Doch… ich kann nicht kämpfen.“ holte Aelfric ein Schwert raus und fiel beinahe damit zu Boden.

Man sah ihm an, dass er sich anstrengte, bis er das Schwert am Griff losließ. Es fiel auf den Boden und Zada stützte ihn ab, wo er dann auf die Sitzbank gesetzt wird. „Das… alleine war schon zu viel für mich. Alle… körperlichen Anstrengungen… die für sie Alltäglich sind… ich kann sie nicht umsetzen.“

„Wir wissen nicht mal… warum nur Aelfric dieses Leiden hat. Kein geborener Vampir hat… dieses Dilemma wie er. Selbst erschaffene Vampire sind schon stärker als er.“ tröstet Zada ihren Bruder.

„Ich… weiß nicht, wie ihre Familie ist oder war, aber… man will ja einen gewissen Stolz auf seine Kinder haben. Leider… hatten wir eine Mutter gehabt, du uns… ziemlich verachtet hat.

Meine große Schwester wurde zu ihrem Vergnügen gefoltert, dass… die meisten schon daran gestorben wären. Mich… am Leben gelassen, damit sie mich auslachen konnte. Ich glaube… einfach, dass liegt an der Erziehung, wie man zu der Person wird, die man ist.

Ich möchte die Tatsachen der berühmten Vampire nicht schmälern, sondern nur… den Grund erklären. Es… hat sehr viel mit Erziehung und der Einstellung zu tun oder?

Was… ist mit den Banditen, die überall in Alliancia die Karawanen überfallen, die Frauen zu ihrem vergnügen… vergewaltigen? Es werden doch auf sie ebenfalls Kopfgelder gesetzt. Nur… wir haben halt den Vorteil des langen Lebens, deswegen… wird die Liste ihrer Schandtaten… nur länger und länger, bis man sie getötet hat.

Ich… weiß nicht, ob ich anders geworden wäre, wenn ich dieses Leiden nicht hätte, dass werden wir nie erfahren. Vielleicht hat der dunkle Gott andere Aufgaben für mich, ich weiß es nicht.

Nur… ich kann sagen, dass diese Vampire… die hier in Fanfoss leben… vielleicht haben sie alle Blut an den Händen, ich weiß es nicht. Doch… sind sie alle gewillt, sich erziehen zu lassen, verstehen sie?

Einige von ihnen sind meine Verwandten, was ich bisher nur über hören wusste. Nun treffe ich sie zum ersten Mal und… mit einigen verstehe ich mich sehr gut. Sie fühlen sich hier… regelrecht wohl, weil man uns alle akzeptiert in dieser Stadt.

Lady Sina… hat ein Projekt gestartet mit ihrem eigenen Clan… Die Bewohner haben sich ja… scheinbar mit der Zeit an sie gewöhnt irgendwie… Nun kommen wir und… ich weiß nicht warum, aber… die Bewohner zeigen regelrechtes Interesse an mir oder den anderen.

Noch ist eine… Hemmschwelle… zwischen beiden Seiten, aber ich glaube… selbst diese wird sich mit der Zeit lösen und dann wird man sich ebenfalls mit Vampiren unterhalten. Wissend was sie sind, kann man doch auch normale Gespräche führen.

Wenn… wir also gewillt sind, also alle Vampire, die momentan in der Stadt leben uns zu ändern, uns anzupassen, dass man uns akzeptiert, warum…so sollen wir dann die Stadt wieder verlassen?“

Aelfric redete mit einer Leidenschaft, dass man vergessen könnte, dass er überhaupt ein Leiden hat. Zumindest wirkte der Priester etwas beeindruckt.

„Ich… meine… es bieten doch so viele ihr Blut an. Bewohner… Touristen… Abenteurer… sie geben uns doch irgendwie… die Chance. Die Chance, dass wir nicht extra jagen und töten brauchen. Wenn… sie es also können, warum… fällt es ihnen denn so schwer?“

„Weil meine Familie von einem Vampir getötet worden ist.“ antwortet der Priester. „Zumindest meine Eltern. Das… was ich gesehen habe, wird mir immer wieder vor Augen gezeigt. Dieser Mann… hatte Freude daran, meine Eltern zu foltern. Trotz… dass er ihnen das Blut entnommen hat, war er unbefriedigt gewesen.

Ich danke der Göttin bis heute, dass er mein Versteck nicht gefunden hat, doch der Tod meiner Eltern machte mir eines klar. Das Böse… gibt es überall und die Vampire verkörpern es.

Lady Sina hätte soviel reden und argumentieren können wie sie möchte, aber es ändert nichts an der Tatsache, was Vampire sind… eigentlich.“

„Wissen… sie denn seinen Namen? Sie… wir Vampire mögen vielleicht ein ewiges Leben führen, doch unsere Anzahl… ist sogar recht überschaubar. Wir sind sogar noch weniger, als Elfen existieren.“ fragte Zada.

„Nein… selbst ihn zu beschreiben bringt nichts, weil er die ganze Zeit diesen großen Umhang um sich trug. Nur einen kurzen Moment sah ich sein… blutiges Gesicht und seine rote Augen, die… voller Wahnsinn waren.“ schüttelte der Priester den Kopf und setzte sich ebenfalls auf eine hölzerne Sitzbank.

„Ich… würde gerne sagen, dass es uns leid tut, aber das mache ich nicht. Jeder Vampir ist auch ein eigenes Individium. Alle… über einen Kamm zu schweren ist ein gefährliches Vorurteil, weil ihr und die anderen Völker ebenso nicht alle dasselbe macht.“ meinte Aelfric.

„Scheinbar ist die Welt komplizierter als gedacht.“ seufzte Armoni sehr hörbar. „Ihr… könnt eurer Herrin sagen, dass ich mich zumindest enthalten werde bei der Abstimmung.“

„Vielen dank… das wir überhaupt miteinander reden konnten. Ich… hatte schon befürchtet, sie würden uns aus dem Weg gehen wie mit Lady Sina.“ freute sich Zada.

„Das liegt daran, dass diese Frau nicht aufhörte zu reden und nicht gehen wollte. Ich habe schließlich als Priester auch ein bisschen was zu tun.“ kommentierte Armoni nur.

„Darf… ich mich noch ein bisschen ausruhen?“ fragte Aelfric. „Glaube… ich habe mich ein bisschen überanstrengt.“

„Tun sie das. Jeder hat scheinbar gewisse Probleme im Leben.“

„Danke…“